Wenn ich mir meine Tochter Maggie anschaue, die zwanzig Jahre jünger ist – sie ist einundvierzig, ich einundsechzig – wundere ich mich immer wieder. Eigentlich sollte man davon ausgehen können, dass sie offener, aufgeschlossener und experimentierfreudiger als ich sein müsste, vor allem in Bezug auf Männer. Aber nein, seit sie sich vor vier Jahren hat scheiden lassen, ist sie zwar keine graue Maus geworden, aber so vorsichtig Männern gegenüber, dass es schon weh tut. Gelegentlich jammert sie mir die Ohren zu, wenn Maggie mich besucht, dass ihr Sex und körperliche Nähe mindestens so sehr fehlen würden wie eine starke Schulter, die einen auffängt. „Warum nimmst du dir dann nicht einfach Sex? Der eine da, dieser Internet-Typ, der hätte dich mit Sicherheit gerne gevögelt, ohne gleich einen Trauschein zu erwarten…“, tadelte ich sie. Mit ihren großen Augen sah Maggie mich an. „Mutti, du weißt doch, dass ich sowas nicht kann.“, erwiderte meine Tochter und ich ließ das Thema auf sich beruhen.
Ich wäre mir für einen One Night Stand oder eine Affäre mit Sicherheit nicht zu schade gewesen, so wie Maggie dies betrachtete. Im Gegenteil, wenn ich noch ein wenig jünger gewesen wäre, hätte ich meine weiblichen Attribute schamlos ausgenutzt und die Männer nur so in mein Bett gezerrt. Aber mit Anfang sechzig, als Oma wie ich es bin, ist es nicht mehr so leicht gewesen. Früher hatte ich mal gedacht, dass Männer ein Leben lang vögeln wollen, doch die Realität zeigte mir, dass zumindest in meiner Umgebung, die Mannsbilder eher nette Gesellschaft, Ausflüge und Kaffeeklatsch erwarteten, als hemmungslosen geilen Sex. Vielleicht träumten sie ja davon, nur junge knackige Dinger mit ihren welken Geschlechtsteilen penetrieren zu dürfen? Ich weiß es nicht. Langer Rede, kurzer Sinn, richtigen Sex hatte ich nur selten als alte Single-Dame.
Und Maggie rannten die Kerle manchmal hinterher und sie ließ sie nicht an sie ran. Meine Tochter erzählte ihnen, dass sie nur eine Freundschaft wolle und ignorierte die erotischen Annäherungsversuche geflissentlich. Besonders Marko tat mir leid, er hatte mehr als ein halbes Jahr Geduld gegenüber meiner Tochter. Er tat wirklich alles für Maggie und wenn ich sie gewesen wäre, ich hätte ihn wenigstens mit Sex belohnt, wenn schon nicht mit einer Beziehung. Ich traf Marko regelmäßig, wenn ich Maggie besuchte und dabei kam es zu einer Unterhaltung zwischen ihm und mir unter vier Augen, in der er sich über Maggies Verhalten beklagte. Dank meiner Lebenserfahrung mit Männern konnte ich deutlich heraushören, dass er es nicht mehr lange so durchhalten konnte.



