Zugegeben, ich war von klein auf eher ein stiller Vertreter der Menschheit, ernst und introvertiert. Andere Mädchen aus meiner Klasse, später Frauen in der Ausbildung oder noch später in meinem Job, die sich aufgetakelt und in den Vordergrund gedrängt hatten, waren mir stets unheimlich. Ich konnte nie verstehen, weshalb man zwingend die Schönste, Tollste, Lauteste sein muss, wenn man doch mit ehrlicher Arbeit und klug durchdachten Konzepten auf andere Weise erfolgreich sein kann, auf eine stille, unauffällige Weise. Selbst wenn mein Chef damals meine harte Arbeit, beziehungsweise das Ergebnis daraus, als seine auswies, erfüllte es mich stolz und ich war eher froh als verärgert, weil ich somit mein unrühmliches Dasein als graue Maus weiterleben konnte.
Dennoch besaß ich tief in mir eine verborgene Seite, die sich wünschte, anders zu sein. Weniger von sich selbst kontrollierte, eine Person, dich sich gehen und treiben lassen konnte, die nicht ständig darauf bedacht war, unscheinbar seinen Weg zu meistern. Eben dieser Chef, der sich mein Projekt zu Eigen gemacht hatte, sollte der Mensch sein, der mir in manchen Momenten ermöglichte, eine freie Frau, eine unüberlegte Person zu sein. Als er bemerkt hatte, dass ich gegen seine Anmaßung weder öffentlich meuterte noch mich unter vier Augen bei ihm beschwerte, ja nicht einmal erkundigte, machte ihn dies stutzig. Er kam eines Tages in die kleine Kammer, die mir als Arbeitsraum zugewiesen worden war und sprach mich darauf an.
Er war intelligent genug, um sofort zu bemerken, dass ich eine unsichere Persönlichkeit war, in der ein intensives Feuer brodelte. Ich hatte zwar selbst nicht erwartet, dass ich ein Vulkan sein könnte, aber mein Chef und Herr kitzelte aus mir heraus, was in mir steckte. Als Entschädigung, so waren seine Worte, als er neben mir auf meinem Schreibtisch saß und auf mich herabblickte, würde er mich zu sich einladen. Er nannte Uhrzeit und seine Adresse, ohne in Erwägung zu ziehen, dass ich vielleicht keine Zeit haben könnte. Mein Herr setzte voraus, dass ich es ermöglichen würde, koste es was es wolle. Meine Intuition verriet mir, dass mich mehr mit diesem Mann verband, als ich anzunehmen wagte.




