Jahrelang kam zu uns ein alter, einsilbiger Postbote, der nicht gerade freundlich war. Schon lange hatte ich darauf gewartet, dass er pensioniert wird und doch wurde meine Hoffnung immer wieder enttäuscht. Gelegentlich erhielt ich diverse Einschreiben und immer wenn er vor mir stand kam es mir so vor, als würde er es mir vorwerfen, dass er nicht einfach die Post bei mir in den Kasten werfen kann, sondern er sich mit meiner Wenigkeit persönlich abgeben und Zeit vergeuden muss. Wieder klingelte es zur üblichen Zeit für die Post an meiner Tür und ich wappnete mich für die unfreundliche, faltige Erscheinung. Wie übel musste mein Gesichtsausdruck gewesen sein, als ich die Haustür aufriss und unfreundlich „Guten Tag“ knurrte, ehe ich aufsah. Noch lustiger musste meine ins Gesicht geschriebene Verblüffung gewesen sein, als ich aufschaute. Anstatt des dickbäuchigen Postboten stand ein junger Mann von Mitte Zwanzig mit einem Einschreiben in der Hand und begrüßte mich lächelnd.
Ich versuchte mich schnell zu fangen und setzte mein nettestes Lächeln auf. Nur zu deutlich war ich mir meiner Jogginghose und dem lapprigen T-Shirt bewusst. Wenn ich geahnt hätte, wer ab diesem Tag die Post austrug hätte ich mich jedenfalls sexy angezogen. „Guten Tag, ich bräuchte eine Unterschrift von Ihnen, Sie haben ein Einschreiben.“, meinte der neue Postbote. Sein Lächeln mit den blitzeblanken Zähnen war entwaffnend. Und nicht nur das Lächeln. Ich unterschrieb etwas nervös unter seinen Blicken und verabschiedete mich. Doch in Gedanken hatte ich den Kerl deutlich vor Augen, groß, sportlich, blond und gutaussehend. Meine Gedanken rasten und ich nahm mir nun vor immer vorbereitet und gepflegt zu sein, wenn es Zeit für die Post war. Es stand für mich außer Frage, dass nun endlich der alte Miesepeter von Postboten pensioniert war.
Ich vernachlässigte meinen Vorsatz nicht und enttäuschend ließ sich das nächste Einschreiben Zeit. Aber ich spähte wie ein junges Mädchen jeden Tag aus dem Fenster und beobachtete „meinen“ Postboten, bis es soweit war und er das zweite Mal bei mir klingelte. Ich rannte die Treppe hinunter, fasste mich und öffnete. Draußen goss es in Strömen und ich hatte einen wunderbaren Vorwand ihn kurz hereinzubitten. „Sie sind ja durchnässt, kommen Sie doch kurz herein, dann können wir im Trockenen alles abwickeln.“ Er zögerte nur kurz und folgte mir in meine Küche. Ohne ihn zu fragen stellte ich ihm eine Tasse heißen Tee hin. Er setzte sich sogar dankbar und schlürfte einen kleinen Schluck.




