Ich musste früher jeden Tag mit der Bahn zur Arbeit fahren, was manchmal wahnsinnig lästig war, wenn es zu Verspätungen kam. Aber eigentlich genoss ich es, so zu meiner Arbeitsstelle zu gelangen. Ich nutzte die Zeit, beobachtete die anderen Fahrgäste – hauptsächlich die weiblichen, wobei mein Hauptaugenmerk auf den Schuhen und Füßen lag – hörte Musik oder las ein Buch. Am Abend brachte mich der Zug nach meinem Job wieder zurück in meine Heimatstadt und ich setzte meine Beschäftigungen vom frühen Morgen fort.
Auf dem Bahnhofsplatz und in der Bahnhofsstraße fielen mir immer wieder die jungen Frauen auf, die punkig gekleidet waren und dicke, feste Stiefel trugen. Manche waren mit Stahlkappen, andere ohne Stahlkappe und mit bunten Schnürsenkeln. Meistens schnorrten sie die Passanten an oder spielten mit den Hunden der anderen Punks. Besonders eine der Frauen stach mir immer wieder ins Auge. Oft sah sie sehr traurig aus, aber nie entdeckte ich sie mit einer Bierflasche in der Hand oder anderen Alkoholika oder berauscht von irgendwelchen Drogen.
Ich hielt regelrecht Ausschau nach ihr, wenn ich nach Hause ging. Einmal ließ ich mich dazu hinreißen und drückte ihr ein paar Euro in die Hand, aber sie hatte mich sicherlich wieder schnell vergessen. Schließlich sah ich sie wieder an einem total verregneten Freitag, am letzten Tag in der Woche nahm ich immer einen früheren Zug nach Hause. Es schüttete aus Kübeln, der Himmel war tiefgrau und voller Regenwolken. Sie stand da an einer Ecke, nur schlecht vom Regen geschützt und bettelte. Was mich dazu getrieben hatte, weiß ich nicht, aber ich ging auf sie zu und quatschte sie an.




