Ich bin Studentin, und ich bin nahezu jeden Tag in der Uni Bibliothek. Auch im Zeitalter von Computern und Internet sind die Bücher und Bibliotheken keineswegs überflüssig geworden, auch nicht für uns Studenten. Es gibt Dinge, die findet man einfach nur in einem Buch. Außerdem ist es auch eine Frage der persönlichen Vorliebe, wo und womit ich lieber arbeite – vor einem flackernden Computerbildschirm oder vor einem Buch. Ich ziehe die Bücher vor, und zwar ganz massiv. Bücher kann ich anfassen, und die sind für mich irgendwie lebendig. Außerdem liebe ich einfach die Atmosphäre in einer Bibliothek, zumal in unserer altehrwürdigen Uni-Bibliothek, in einem historischen Gebäude, dessen archetektonische Details mich bei jedem Besuch immer wieder in Entzücken versetzen. Zugegeben, es riecht dort etwas muffig und staubig – aber dafür habe ich hier sehr intensiv das Gefühl, als Studentin Teil einer jahrhundertealten Tradition zu sein; einfach Teil eines Ganzen. Dort bin ich eingebunden in das, was die Uni eigentlich symbolisiert, und nicht einfach nur eine Studentin unter vielen, die einsam und alleine für sich um gute Noten kämpft. In dieser Bibliothek würde ich selbst dann viel lieber arbeiten als an meinem Schreibtisch in meiner düsteren Studentinnenbude, wenn ich mit dem Laptop ins Internet gehe, an einem der Arbeitsplätze an den reich verzierten Holztischen mit den altmodischen Lampen. Das habe ich schon oft genug gemacht, und ich bin nicht die einzige. Viele Studentinnen und Studenten ziehen die Arbeit hier der zuhause vor; zumal man hier jederzeit auch Leute aus seinem Semester trifft, mit denen man schnell mal was bereden kann, wenn man eine Frage hat. Das Bereden findet allerdings nur draußen statt natürlich, nicht im Lesesaal, denn das würde ja die anderen stören. Manchmal ist es allerdings nicht das Reden, um das es geht, wenn sich zwei Studenten, oder vielmehr ein Student und eine Studentin, aus dem Lesesaal zurückziehen … In so einem Lesesaal kann man nämlich auch erotische Kontakte finden, ob ihr es glaubt oder nicht.
So ist es nämlich mir passiert; ich hatte Sex in der UB (das ist natürlich kurz für Uni Bibliothek). Obwohl ich eigentlich wirklich zum Arbeiten hierhergekommen war. Ich saß im großen Saal, mit meinem Stapel Bücher und meinem Laptop, per WLAN über den Account der UB online, zu dem man als Student einen Zugang hat, weil man eben heutzutage auf die Quellensuche im Internet doch nicht mehr verzichten kann, und bereitete das Material für eine Präsentation vor. Allerdings war ich irgendwie nicht in der rechten Stimmung, ich war total unkonzentriert und hatte Mühe, einen klaren Gedanken zu fassen. Ich weiß nicht, was los war; irgendwie war ich unruhig. Dabei starrte ich dann Löcher in die Luft, und infolge der optischen Orientierung der Gattung Mensch der Lebewesen geradeaus nach vorne, mit Augen, die lediglich ein beschränktes Sichtfeld zur Seite hin bieten, starrte ich diese Löcher vorwiegend direkt vor mir in die Luft. In dieser Richtung stand ein weiterer Arbeitsplatz, ein weiterer reich verzierter Holztisch mit einer altmodischen Lampe. Zunächst war dieser Tisch leer; wobei ein Bücherstapel in einer Ecke mit einem Zettel darauf hindeutete, dass sich hier jemand diesen Arbeitsplatz bereits für den Zeitpunkt gesichert hatte, wenn er sich erneut an die Bücher begeben würde. Eigentlich war es nicht erlaubt, sich auf diese Weise einen Platz zu reservieren. Genaugenommen musste man alle Bücher jedes Mal wieder zurückbringen, wenn man seine Arbeit hier unterbrach, sei es tagsüber für eine Vorlesung oder abends bei Feierabend. In der Praxis allerdings versuchten wir Studenten alle, uns einen Tisch zu sichern und die herausgesuchten Bücher dort zu lagern, uns den Platz freizuhalten. Solange die Bibliothek nicht überfüllt war, und das passierte nur sehr selten, kam man damit auch ganz gut durch.
Das Interessante an dem Arbeitsplatz mir direkt im Blickfeld war, dass der Stuhl dahinter stand und nicht davor. In dieser Reihe aus Arbeitsplätzen hatten sich alle anderen Studentinnen und Studenten in genau derselben Richtung an den Tisch gesetzt wie ich. Es war wohl der unsichtbare Zwang der Masse, der da am Wirken war. Allerdings konnte man den Stuhl beliebig verschieben, und der Student oder die Studentin, die sich da die Bücher zurechtgelegt hatten, bevorzugten es ersichtlich, in der Richtung gegen den Strom zu schwimmen. Das ermöglichte mir einen sehr guten Blick, als der Besitzer – oder vielmehr Besetzer – des Tisches endlich auftauchte, sich mit einem Laptop – einem richtig schicken Teil, erheblich teurer als meines, wie ich sehen konnte – auf dem Tisch breit machte und die Bücher ausbreitete. Ich kannte diesen Studenten nicht, hatte ihn auch in der Bibliothek nie vorher gesehen; in meinem Semester war der nicht, vielleicht nicht einmal an meiner Fakultät. Auf jeden Fall war sein Auftauchen mir eine willkommene Ablenkung. Den Kopf auf eine Hand gestützt und scheinbar total vertieft in ein Buch, beobachtete ich ihn in Wirklichkeit heimlich. Er sah gar nicht schlecht aus. Manchmal sehen die männlichen Studenten aus wie echte Bücherwürmer und Nerds, komplett unfähig, was das wahre Leben betrifft, schlaksig und ungeschickt und alles andere als sexuell attraktiv für uns Studentinnen, die wir in aller Regel mühelos die geistige Welt und den Alltag außerhalb der Uni unter einen Hut brachten, ebenso wie gute Noten und gutes Aussehen. Aber dieser Typ war richtig süß, mit dunklen Haaren, etwas zu lang und ein klein wenig wellig, was allerdings nur dazu führte, dass sie ungebärdig in alle Richtungen abstanden. Ähnliche Frisuren haben oft auch die Nerds; aber bei denen sieht es nicht halb so sexy aus, wie es bei diesem Studenten aussah. Seine Augen waren von dichten, langen Wimpern umschattet, um die ihn viele Frauen brennend beneidet hätten, die dafür Wimperntusche oder gar künstliche Wimpern brauchen, aber als er zwischendurch einmal gedankenverloren aufblickte, konnte ich sehen, dass sie graugrün waren. Ein dunkler Bartschatten bedeckte seine Wangen und sein Kinn, und so etwas finde ich – ich weiß, das ist pervers! – irgendwie immer total verführerisch. Seine Schultern waren breit und steckten in einem feinen Wollpullover, der die muskulöse Form – auch die seiner Arme – eher modellierte, als sie zu überspielen. Ein weißer Hemdkragen schaute an seinem Hals heraus. Dazu trug er eine Jeans und richtig schicke Stiefeletten statt der groben Boots, die ich von anderen Studenten gewohnt war.




