
Was hatte ich mich auf diesen Heiligabend gefreut! Schon Wochen vorher hatte ich die Berghütte gebucht, wo ich in diesem Jahr Weihnachten verbringen wollte. Ich hatte wirklich die Nase voll von diesen ganzen Familienpflichten an Weihnachten. Das bringt niemandem etwas – warum also stellt man es nicht einfach ein? Wenn man eine eigene Familie hat, da versteht es sich natürlich von selbst, dass man an Weihnachten zusammensitzt. Aber wenn man wie ich Single ist und trotzdem keine Ruhe hat an den Festtagen, weil man Eltern, Großeltern, Tanten, Onkel und so weiter besuchen muss, dann ist das meiner persönlichen Meinung nach so überflüssig wie ein Kropf. Dass man das auf sich nimmt, das kann ich noch verstehen, wenn man ein Kind ist und möglichst viele Geschenke einheimsen will, von allen Seiten. Aber die Geschenke, die man unter Erwachsenen austauscht, sind im Zweifel eh voll für die Katz. Da nimmt jeder einfach irgendwas, nur damit man was geschenkt hat, und kein Mensch kann mit diesen Geschenken etwas anfangen. Davon abgesehen gibt es keinen Grund, an Weihnachten unbedingt zusammen zu hocken. Der christliche Ursprung dieses Festes ist uns mittlerweile ebenso verloren gegangen wie die frühere heidnische Bedeutung. Und was das betrifft, so von wegen Frieden auf Erden, also Friede, Freude, Eierkuchen, damit ist es an Weihnachten sowieso meistens gar nichts. Das durfte ich gerade im letzten Jahr wieder erleben, als in meiner Familie beim großen Treffen am 1. Weihnachtsfeiertag ein Streit nach dem anderen ausgebrochen ist. Es war fürchterlich! Schon da hatte ich beschlossen, dass ich dieses Jahr Weihnachten ganz bestimmt lieber alleine verbringen würde; komme, was da kommen wolle. Eine wahrhaft stille Nacht sollte es in diesem Jahr werden. Ich hatte zwar Freunde, mit denen ich zum Teil schon gerne die Weihnachtstage verbracht hätte – aber das ist ja eben das Problem, das man als Single hat: Die anderen Leute haben alle ihre familiären Verpflichtungen. Da ist dann keine Zeit für ein Treffen mit jemandem, der nicht zur Familie gehört, sondern “bloß” ein Freund ist. Zumindest nicht direkt über die Festtage. Dann war es alleine immer noch besser, denn da hatte man wenigstens seine Ruhe. Selbst wenn ich mich alleine vielleicht ein bisschen einsam fühlen würde – das war mir immer noch lieber als der übliche Aufstand zu Weihnachten.
Ende Oktober hatte ich mich dann auch daran gemacht, diesen Plan zu verwirklichen. Natürlich fahren über Weihnachten viele Leute weg. Zum Teil, um einfach die Feiertage in einer schöneren Umgebung zu verbringen als zuhause, und zum Teil, um das gleich mit Wintersport wie Skifahren oder so etwas zu verbinden. Von daher wusste ich schon, dass ich vielleicht Schwierigkeiten haben würde, zwei Monate vorher noch etwas zu bekommen. Ich ärgerte mich schon, dass ich nicht früher angefangen hatte; aber das half mir in diesem Augenblick auch nichts mehr. Dann hatte ich aber mehr Glück, als ich es zu hoffen gewagt hatte. Die meisten Leute verreisen über Weihnachten natürlich nicht alleine, sondern in der Gruppe. Mit Familie. Deshalb waren zwar die ganzen Berghütten in den Alpen, die ich von dem einen oder anderen Wintersporturlaub her kannte und mir als Ziel ausgesucht hatte, längst belegt. Es gibt dort aber eine wirklich winzige Hütte, für die der Begriff Ferien-Haus schon fast übertrieben war, die gerade mal für eine Person reicht, also ideal für Singles ist, und die war noch frei. Bei der habe ich sofort zugeschlagen und sie angemietet, vom 24. Dezember bis zum 30. Dezember. Danach musste ich für die große Silvesterparty bei Freunden ja wieder zurück. Denn Silvester ist ja dann zum Glück eher ein Fest, das man mit Freunden statt mit der Familie feiert. Von daher musste ich mich an Silvester nicht verstecken, sondern konnte auf einer Party mit anderen zusammen das neue Jahr begrüßen. Hauptsache, ich war über Weihnachten weit weg von all dem üblichen nervigen Trubel. Leider musste ich an Heiligabend noch bis mittags arbeiten, doch danach bin ich gleich aufgebrochen. Gepackt hatte ich schon am Abend zuvor. Es lag zwar Schnee, und weiterer Schneefall war angesagt, aber das machte mir nichts. Mit vernünftigen Winterreifen, etwas mehr Vorsicht als sonst und Schneeketten im Kofferraum für die Berge würde ich schon bis dorthin kommen, wo ich hin wollte. Eine erste Vorahnung, dass es vielleicht nicht der Schnee war, der mich aufhalten könnte, sondern etwas anderes, bekam ich dann allerdings schon direkt beim Losfahren. Beim Anlassen nudelte der Motor mehrfach ächzend und schwerfällig vor sich hin, bevor er endlich ansprang. Ich hielt das aber für eine Folge der Kälte, wo ja viele Autobatterien selbst dann den Geist aufgeben oder zumindest arg schwächeln, wenn man kein Licht versehentlich angelassen hat. Dieses Problem würde sich aber durchs Fahren von selbst geben, denn dabei würde ich meine Batterie ja wieder aufladen. Bestimmt würde ich unterwegs keinerlei Probleme mehr haben. Und notfalls ist man ja auch beim ADAC, wenn doch was mit der Batterie sein sollte. So tröstete ich mich – und fuhr los.
Die ersten 200 Kilometer brachte ich zügig hinter mich. Wenn im Winter Eis und Schnee herrschen, dann gibt es beim Autofahren zwei Möglichkeiten. Entweder man gerät zufällig in irgendein Verkehrschaos hinein, weil manche Autofahrer schon bei zwei Schneeflocken durchdrehen und Mist bauen. Oder aber man hat sogar mit weit weniger Verkehr zu kämpfen als bei gutem Wetter, weil alle, die nicht unbedingt fahren müssen, lieber zuhause bleiben. Nun fahren an Heiligabend schon viele nach Hause, Studenten zu ihren Eltern und so weiter, aber an diesem Heiligabend war wirklich nicht viel los. Es lief alles hervorragend, und die Autobahn war natürlich auch ganz frei, geräumt und gestreut und so weiter. Doch dann hörte ich die erste Staumeldung, und es war ein beachtlicher Stau. Den würde ich besser umfahren, überlegte ich. Wofür hat man denn ein Navi? Allerdings wollte ich vorher noch mal schnell aufs Klo, hier auf der Autobahn, wo das ohne Probleme machbar war, damit es mich nicht nachher auf irgendwelchen Landstraßen traf. Also fuhr ich raus zum nächsten Parkplatz, stellte das Auto ab, den Motor ab und nahm mir meine Pinkelpause. Es war verdammt kalt draußen, zumal nachdem ich jetzt Stunden im warmen Auto verbracht hatte, das fiel mir sofort auf. Auch die junge Dame, die neben mir aus ihrem Fahrzeug stieg, fröstelte sichtlich. Wir lächelten uns kurz zu, bevor wir beide zu unseren passenden Klohäuschen verschwanden; sie zum Damenklo, ich zum Herrenklo. Wie üblich, war ich zuerst fertig. Männer sind auf der Toilette ja meistens schneller als die Frauen. Ich saß bereits im Auto, hatte den Schlüssel reingesteckt und drehte ihn, da war von der jungen Dame noch nichts zu sehen; ich hatte in Richtung Häuschen für die Damen geschaut, weil sie mir recht gut gefallen hatte. Ich hätte sie gerne noch einmal gesehen. Jeder Gedanke daran wurde dann jedoch jäh erstickt, als der Motor diesmal nur noch einmal nudelte und dann erstarb, sich auch durch nichts dazu bewegen ließ, sich noch einmal aufzurappeln. Da war gar nichts mehr; der Motor war tot. Und ich saß hier in eisiger Kälte auf einem dämlichen Autobahnparkplatz fest, am Nachmittag von Heiligabend! Mir blieb erst mal die Luft weg vor Schock, erst dann konnte ich wieder einigermaßen klar denken. Ich musste den ADAC rufen, das stand schon mal fest. Aber irgendwie konnte ich es noch gar nicht ganz glauben.